Freitag, Oktober 19, 2007

Das Rumpeln des Subway

Originalartikel in langeleine.de.
Mehr Fotos hier.

Im Rahmen der Ausstellung “New York in Berlin” präsentiert das Haus der Kulturen der Welt in Berlin derzeit die Musikreihe “Greenwich Village”. Im Mittelpunkt stehen Folk und Antifolk aus dem “Big Apple”. Für Musikfans ist das erlesene Programm eine Reise wert

Text und Fotos: Barbara Mürdter

Kurator Detlef Diederichsen wollte die Klischees, die mit New York in Verbindung stehen, ganz bewusst vermeiden: “Ich wollte nicht Lou Reed einladen und auch niemanden ‘New York, New York’ singen lassen.” Diederichsen wollte tiefer gucken und New York als die Welthauptstadt der Musikindustrie darstellen. Als Keimzelle jeglicher kommerziellen Musik sieht er die Broadway-Tradition seit dem 19. Jahrhundert. Folglich befasste sich ein Teil der von ihm in Berlin präsentierten Musikreihe mit verschiedenen Blickwinkeln auf diese Tradition. Außerdem ging es um New York als Hauptstadt der lateinamerikanischen Musik. Im zurzeit stattfindenden letzten Teil der Reihe soll der Folk dargestellt werden, der sich als Gegenbewegung zur zunehmenden Kommerzialisierung und Stilisierung der Broadway-geprägten Popmusik entwickelte.

session greenwich village

Session mit Bob Neuwirth auf der Greenwich Village-Bühne

Folk als Ausdrucksmittel

“Die Leute fühlten sich abgestoßen und wollten es nun weniger künstlich und heileweltmäßig haben. Sie wollten eine simple, pure Musik in der auch die Wirklichkeit eine Rolle spielt, in der man auch seine Meinung zum Ausdruck bringen kann, seine Dissidenz. Es hat in New York in den 50er-Jahren begonnen, und es gibt bis heute unter kaum verändertem Vorzeichen immer noch eine aktive Szene, sogar noch an den selben Orten, nämlich in Greenwich Village”, erklärt Detlef Diederichsen. In den 1940er-Jahren war Woody Guthrie in die Stadt gekommen und hatte durch seine Präsenz quasi im Alleingang die Grundlage für die politisierte Folkszene der frühen 60er-Jahre geschaffen: Phil Ochs, Joan Baez und als alles überstrahlende Figur natürlich Bob Dylan, der in seinen jungen Jahren zu Guthries glühendsten Verehrern zählte.

Professor Louie trägt den Geist der Sechziger in sich

Aus der politischen Bewegung der 60er-Jahre kommt auch Professor Louie, der gemeinsam mit der Jeffrey Lewis-Band am Eröffnungsabend auf der Bühne stand. Allerdings war er seinerzeit im Theater engagiert. Auf die Idee, seine sozialkritischen Gedichte zu rappen, um sie den Menschen nahe zu bringen, kam er erst Anfang der 80er im Zuge des frühen HipHop. Seitdem tritt der inzwischen 65jährige bei Gewerkschaftsveranstaltungen, Benefizveranstaltungen und in linken Buchläden und Musikclubs auf. In seinem Viertel kennt ihn jeder – außerhalb niemand. Er ist eine der kleinen Perlen, dieses Stück New Yorker Leben, welches die Veranstalter ausgegraben und nach Europa geholt haben.

Professor Louie

Cooler Onkel: Professor Louie aus Brooklyn rappt sozialkritische Gedichte

Und Professor Louie hat gute Beziehungen zu den Kuratoren: Sein Neffe Jeffrey Lewis ist der Co-Kurator der Veranstaltung. “Jeffrey Lewis ist ein unglaublich intelligenter und unterhaltsamer Musiker, Texter und Entertainer. Außerdem ist er mir dadurch aufgefallen, dass er sich auf seinen eigenen Platten und auch in seinen Comics stark auf die Geschichte seines Genres bezieht, sich extrem gut auskennt und auch die obskurste Elektra-Platte von 1964 kennt,” erzählt Diederichsen. “Und er kennt die Leute eben auch teilweise persönlich. Der ist mit Tuli Kupferberg [von den Fugs] und Peter Stampfel [von den Holy Modal Rounders] zusammen aufgetreten. Er repräsentiert quasi diese Ganzheit der Szene so wie ich sie hier auch gern ins Haus bringen wollte.”

jeffrey louis berlin

Jeffrey Lewis ist neben Detlef Diederichsen Co-Kurator der Veranstaltungsreihe

Beeinflusst vom Rumpeln der Subway-Waggons

Der 32-jährige Lewis selbst fand es in seiner Bescheidenheit hingegen eher belustigend, dass er jetzt plötzlich als Musikexperte für New York zu einem hochkulturellen Ereignis geladen wurde. Aber er fühlte sich auch geehrt und war sofort mit Begeisterung dabei: “Ich hätte mindestens hundert Künstler herholen wollen, die ich wirklich Klasse finde, Bands, die den Geschmack New Yorks und des New Yorker Undergrounds im Folk darstellen, und wie sie sich mit anderen Genres verbinden, weil New York Dinge auf interessante Art verknüpft.” Und er stellt eine interessante These auf: “Die Eigenheit von New Yorks Musik ist durch zwei Dinge entscheidend geprägt worden: Zum einen durch die räumliche Enge, wo man sich etwas einfallen musste, wie man Musik machen kann. Und zum Zweiten: Wenn es stimmt, dass das Unterbewusste im Takt der US-amerikanischen Musik durch den Rhythmus der Züge geprägt wurde, dann ist die New Yorker Musik durch das Rumpeln und Quietschen der Subway-Wagons beeinflusst, die nie ganz im Takt sind.”

Querverbindungen und skurrile Typen

Um all diese Querverbindungen für das Publikum deutlich zu machen, werden in der Veranstaltungsreihe auch Filme gezeigt, so zum Beispiel “Bound to Loose” über die Holy Modal Rounders - eine der schrägsten Bands aus den 60ern, die Songs über Drogen und Sex sang, um das Establishment zu provozieren. Ex-Band-Mitglied Peter Stampfel, der auch Mitglied der ähnlich gelagerten Fugs war, trägt seine seltsamen, sehr eigenen Sachen bis heute vor und ist in Berlin als Gast geladen.

David Peel Plattencover

Auf dem Index: Von John Lennon produzierte Platte des New Yorker Straßenbarden David Peel

Ebenfalls zur alten Garde zählt ein anderer Musiker, der kaum über New York hinaus bekannt wurde: David Peel. Peel ist seit den 60ern ein bekannter Straßenmusiker und hat am Ende des Jahrzehnts ein paar Alben auf dem Label Elektra eingespielt. Anfang der 70er begeisterte sich New York-Fan John Lennon für die durchgeknallte Urtype aus der Lower East Side-Szene und produzierte das Album “The Pope Smokes Dope” für das Beatles-eigene Apple-Label. Es landete wegen der provokativen Texte prompt auf dem Index. Peel wurde erst in den 90er-Jahren von Fans der zweiten Generation wiederentdeckt. Jeffrey Lewis schwärmt: “David Peel ist sehr repräsentativ für die verrückte New Yorker Szene.” Dieser Punk-Folk sei ein unterschätzter Teil der New Yorker Kulturgeschichte.

Ish Marquez

Ish Marquez begann als manischer Akustik-Gitarrist und spielt heute Midtempo-Rock mit persönlichen Texten

Junge Musiker und Veteranen stehen gemeinsam auf der Bühne

Ein Ziel der Veranstaltungsreihe “Greenwich Village”, die noch bis zum 27. Oktober geht, ist es, jüngere und ältere Musiker, welche die Entwicklung der Folkmusik in New York repräsentieren, zusammenzubringen. Zu sehen sein werden auch jüngere Bands aus der vom Punk geprägten New Yorker Antifolk-Szene wie Dufus und Prewar Yardsale. Ein Schwachpunkt des Programmes ist, dass bis auf zwei Bandmitglieder keine Frauen beteiligt sind und mit Ish Marquez nur ein nicht-weißer Act. Gewünschte Künstler wie Odetta, Richie Havens, Dianne Cluck, Dina Dean und Kimya Dawson hatten, von den Kuratoren glaubwürdig bedauert, abgesagt. Jeffrey Lewis findet es auch schade, dass die Reihe nicht als Festival an mehreren zusammenhängenden Tagen stattfindet: “Ich hätte gerne erlebt, wie sie alle zusammen spielen. Ich fühle mich wie ein beschützendes Elternteil”.

nähere Informationen zum Programm:
Haus der Kulturen der Welt Berlin, Musikprogramm

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Mittwoch, August 22, 2007

Tegan and Sara

Tegan Quin

Sara Quin

Das kanadische Zwillingspaar Tegan und Sara Quin sind mit ihrem jüngst erschienen fünften Album „The Con“ schon fast Veteraninnen der Musikszene. Dabei sind sie erst 1980 geboren. Mit 18 veröffentlichten sie ihr erstes, selbstfinaziertes Album, nachdem sie einen Musikwettbewerb gewonnen hatten. 2000 verhalf ihnen Neil Young zu einem Vertrag auf seinem Label Vapor Records. Und nahm sie mit auf Tour. Danach spielten sie als Support für Rufus Wainwright, Ryan Adams oder die Killers und Hot Hot Heat auch in Deutschland. Zu größerer Medienaufmerksamkeit kamen sie mit ihrem Vorgängeralbum "So Jealous", dessen erste Single "Walking With a Ghost" von den White Stripes gecovert wurde.

Jetzt ist das Schwesternpaar, das sich von Anfang an als Gegenbild zu Britney Spears sah, zum ersten Mal als Hauptact bei uns zu sehen. Aufgrund des großen Interesses mussten die Shows in Hamburg und Berlin schon in größere Clubs verlegt. Allerings waren die ursprünglich geplanten Clubs auch kaum größer als, nun ja, sagen wir zwei Handtücher.


Fans warten vor der ausverkauften Bush Hall in London

21.08.2007 Hamburg, Molotow
24.08.2007 Berlin, Zapata
25.08.2007 Köln, Studio 672
26.08.2007 München, Ampere

Interview (Ausschnitte)

Mit eurem vorhergehenden Album habt ihr zum ersten mal größere Aufmerksamkeit erregt. War es jetzt schwierig, das neue Album zu machen, so eine Art "Zweites-Album-Symptom"?

Es kann durchaus sein, dass es viele Leute, die uns erst mit dem letzten Album kennengelernt haben, das jetz als unserer zweites Album angesehen haben. Aber wir sind da rangegangen wie an die anderen Album zuvor auch. Ich habe keinen zusätzlichen Druck verspürt. Wenn überhaupt war ich eher gelassener, weil ich das Gefühl hatte, mehr Leute verstehen, was wir machen, dass wir einfach loslegen können und die Platte machen, die wir wollen, weil die Leute uns verstehen würden.

Du lebst in Toronto und Sara in Montréal. Wie tauscht ihr euch aus und schreibt eure Songs?
Selbst als wir noch in der gleichen Stadt gewohnt haben, haben wir nicht zusammen geschrieben. Wir schreiben und nehmen separat auf und schicken uns das dann gegenseitig zu.
Als ich zum Beispiel the con geschrieben habe habe ich das in 7 oder 8 Stunden aufgenommen und das Sara geschickt. Sie hat dann das Ganze noch editiert, zusätzliche Vocals und Gitarren aufgenommen und dann war der Song fertig. So etwa schreiben wir jetzt fast immer.
Ihr seit politisch engagiert und äußert euch in Interviews dezidiert zu politischen Dingen. Warum geht es in euren Texten ausschließlich um Beziehungen?
Zumindest in der westlichen Welt sind wir sicher mit solchen Sachen wie Umweltzerstörung und Versagen in der Politik beschäftigt. Aber wenn man ehrlich ist ist doch was uns letztendlich am meisten am Herzen liegt unsere Gesundheit und unsere Beziehungen. Dessen machen sich auch Sara und ich schuldig. Wenn es ums Schreiben geht, konzentrieren wir uns ganz egozentrisch auf unsere Gefühle von Zuneigung und Liebe – das ist der Platz in unserem Leben, wo wir das richtig ausleben können
Außerdem ist das, was wir machen, einfach auf die Bühne zu gehen als das was wir sind – Frauen im Rockgeschäft, und Lesben, die das nie versteckt haben – das ist schon ein gewaltiges Statement. Und ein Song wie i was married, der Song ist schon sehr direkt in dem er beschreibt, dass du diese wunderbare Verbindung zu einem anderen Menschen hast, den du liebst und dem du dein Leben widmest, und dir all diese Dinge klar machst, aber ein großer Teil der Welt nicht notwendigerweise damit einverstanden ist. Das ist schwer, wenn du jemanden so sehr liebst, dass du das nicht mehr kontrollieren kannst, dass diese Liebe einfach wie ein Magnet ist, etwas das passiert und die Leute denken, das ist deine *Entscheidung*, oder das sie denken was du machst ist gegen den Willen Gottes.“
Ihr repräsentiert auf der Bühne natürliches Selbstbewußtsein und Stärke. Viele junge Fans sehen euch als Rollenvorbild. Wie fühlt sich das für euch an?
Ich kann damit gut leben, ein role model zu sein. Sara und ich sind sehr vernünftig und wir arbeiten hart. Wir haben mit 17 die Oberschule abgeschlossen und haben unsere eigene Platte finanziert. Wir sind jetzt seit 10 Jahren dabei. Wir sind beide in Beziehungen und kümmern uns um unsere Familie. Wir machen keine Party. Der Alkohol hier im Backstage gehört der Vorband. Wir trinken nicht Backstage und sehr selten auf der Tour. Ich glaube wir sind gute Vorbilder. Unser Hauptziel im Leben ist es, gute Musik zu machen, ob das im Studio ist oder live. Wir sind sicher eine Band, an der man sich durchaus orientieren kann. Wir wissen was wir wollen und wir sind echt. Ich glaube, das man das merkt.
Was hebt euch von anderen Bands ab?
Es gibt einfach so viele Bands, auch richtig tolle, und da ist es schwierig. Viele klingen auch wie hundet andere. Sara und ich versuchen ungewöhnlich zu klingen, und es gibt nicht viele Frauen die wie wir klingen. Wir singen anders und habe eine sehr eigene Bühnenshow, aber daran haben wir auch 10 Jahre gearbeitet, um unseren eigenen Sound zu finden.
Könnt ihr von dem was ihr macht inzwischen leben? Zahlt euch Vapor genug Vorschüsse?
Die Plattenfirma zahlt uns nichts und wir mussten lange kämpfen. Wir touren zwei Drittel des Jahres und davon leben wir. Das ist bei Bands heute so. Vapor hat uns also nicht mit Geld geholfen, sondern damit unterstützt, das sie uns Zeit gegeben haben uns zu entwickeln, und das war viel mehr Wert als Geld. Sie haben uns fünf Platten für die Entwicklung zugestanden wo die meisten Bands heute eine einzige bekommen und wenn die nicht erfolgreich ist heißt es 'und Tschüss'. Vapor sagte, macht einfach weiter.

Audio:
Beitrag zu Tegan and Sara hören.

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Dienstag, Juni 12, 2007

Patti Smith Jukebox

Patti Smith, die große alte Dame des Rock, ist mit neuem Album auf Deutschland-Tour

Mit ihrem aktuellen Album “Twelve” erfüllte sich Smith selbst einen Wunsch, den sie jahrzehntelang gehegt hatte. Sie wollte ein Coveralbum mit ihren Lieblingssongs aufnehmen. Eine Ikone covert Ikonen, von Jimmy Hendrix bis Nirvana - so erscheint es für uns Hörer. Doch für Smith sind es Zeitgenossen, die sie verehrte, und von denen sie oft gleichermaßen verehrt wurde. Die meisten hat sie in der brodelnden Musikszene ihrer Heimatstadt New York persönlich kennengelernt. Als junge Poetin, noch ohne musikalische Ambitionen, saß sie auf den Treppen des Electric Ladyland-Studios, in dem sie jetzt das neue Album aufgenommen hat, und plauderte mit Jimmy Hendrix. Bob Dylans Song “Like a Rolling Stone” hatte sie in den 60ern auf die Spur gebracht, ihre Weltauffassung geprägt. Dylan sollte sie ebenso wie den von ihr verehrten Keith Richards bald kennenlernen - als einen ihrer Bewunderer.

patti smith 2007

Patti Smith mit ihrer Band 2007

Eine von den New Yorker Punk-Jungs

Das eindrucksvollste Foto von Patti Smith wird für immer das Cover ihres Debütalbums “Horses” (1975) bleiben. Hier hat ihr Freund und Seelenbruder, der schwule New Yorker Fotokünstler Robert Mapplethorpe, die junge Smith als wunderschönen androgynen Tomboy festgehalten. Smith war “one of the boys”, eine aus der New Yorker Punk-Szene, die aussah und sich bewegte wie die Jungs. Und doch wurde sie über die Jahre zu einer Ikone und zum vielzitierten Rollenvorbild für Mädchen und Frauen, die Rock machen wollten - oder einfach andere Idole suchten als das althergebrachte Püppchen und andere Ideale hatten als ein Hausfrauendasein. Doch Smith wehrte sich gegen diese Aneignung. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs, der nach ihrer Kolloboration mit Bruce Springsteen, “Because the Night”, kam, ging sie Ende der 70er mit ihrem Mann aufs Land, um eine Familie zu gründen.

patti smith horses

Das berühmte Cover von Patti Smiths Debütalbum “Horses”, aufgenommen von ihrem Fotografen-Freund Robert Mapplethorpe

1988 erschien dann Patti Smiths Comeback mit “Dream of Life”. Danach folgte wieder eine lange Pause. Mehrere ihrer engen Freunde und Verwandten starben in diesen Jahren - zuerst Robert Mapplethorpe, dann ihr Ehemann und ihr Bruder. Doch keine Geringeren als Michael Stipe von R.E.M. und Beat-Poet Allen Ginsberg drängten Smith 1996, wieder aufzunehmen und auf Tour zu gehen. Im April 2007 erschien ihr zehntes Album, auf dem sie vor allem auf ihre goldenen Jahre zurückblickte, die späten 60er und die 70er.

patti smith land

2002 erschien das Doppelalbum “Land”, das Patti Smiths Werk von 1975 bis heute dokumentiert

Entspannte Interpretation anspruchsvoller Klassiker

Die Reaktion auf das Albums “Twelve” war zunächst eher verhalten. Da waren die Smith-Fans, die sowieso alles gut finden, was ihre Heldin macht, und da waren die Abschätzigen, die eine reine Cover-Platte nur “verzeihen”, wenn sie die ultimativen Interpretationen enthalten. Richtig ist die Kritik: Keine der Interpretationen übertrifft die Originale, die vielfach von ihren Autoren schon unschlagbar genial interpretiert worden waren. Wenige der Aufnahmen sind bemerkenswert anders gestaltet, sieht man vielleicht von Nirvanas “Smells like Teen Spirit” ab, das durch die Verwendung akustischer Instrumente fast Traditional-Charakter gewinnt und zum Schluss sogar experimentell wird. Doch die meisten der Stücke sind mehr oder weniger konventionell eingespielt und bleiben nahe am Original.

patti smith fotoband

Ein Band mit Fotos, auf denen ihr Jugendfreund Frank Stefanko Patti Smiths Werdegang porträtiert, erschien Anfang des Jahres unter dem Titel “Patti Smith - American Artist”

Smith konzentriert sich auf den Song an sich, macht ihn sich zu eigen, und zeigt seine Stärken und manchmal auch Schwächen auf. So legt das schwache “Soul Kitchen” – im Original von den Doors - gnadenlos bloß, dass Jim Morrisson doch nicht der Songschreiber und Lyriker vor dem Herren war, für den er bis heute oft gehalten wird. Wohingegen nicht zufällig Dylans “Changing of the Guards” das Highlight des Albums ist. Sein Status als einer der größten Songschreiber des Jahrhunderts gilt als unumstritten. Nach Smiths Aussage hat ihr das Aufnehmen dieses Songs am meisten Spaß gemacht. Und auch in der strengen Dylan-Fangemeinde wurde Smiths Fassung abgesegnet, sogar der Meister selbst soll Gefallen an ihrer Interpretation gefunden haben. Überhaupt Dylan: Selten hat man den alten Grummel so entspannt, milde und offensichtlich angetan gesehen wie auf Fotos mit der jungen Patti Smith Mitte der 70er Jahre. 1996 half er Smith bei ihrer Comebacktour. Und offensichtlich hält seine Bewunderung an.

Ein typisches Smith-Album

Hart betrachtet, ist “Changing of the Guards” allerdings der einzig wirklich bemerkenswerte Song auf dem Album – und selbst der reicht nicht an Cat Powers legendäres Cover des Stones-Klassikers “Satisfaction” heran. Aber bei Patti Smith geht es um etwas anderes: Lange schon hat sie den Ikonenstatus als große alte Dame des Rock - jenseits der üblichen Bewertungskriterien. Der Reiz ist, wie sich hier eine Ikone die Songs anderer Ikonen zueigen macht. Mit der Zeit entfalten die altersmilden Interpretationen, die keine auffälligen Experimente zulassen und scheinbaren Gleichmut ausstrahlen, ihren Reiz. Und je öfter man sich das Album anhört, desto stärker wird es zu einem typischen Smith-Album, auf dem sie die ganzen Jungs-Songs letztendlich zu einem homogenen Singer-Songwriter-Album zusammengewoben hat.

patti smith twelve

Das Cover von Smiths aktuellem Album “Twelve” zeigt ein Tambourin, das sie vor 35 Jahren geschenkt bekam

Einen wichtigen Beitrag zu “Twelve” hat Smiths Band geleistet, die die Stimme der Sängerin im Mittelpunkt lässt und sie einfühlsam begleitet. Neben ihren langjährigen Mitmusikern - Lenny Kaye, Tony Shanahan und Jay Dee Daugherty - bringen sich Gastmusiker wie Flea von den Red Hot Chilli Peppers und Tom Verlaine von Television mit ein. Und Smith schöpft nicht nur aus ihrer lang vertrauten Musikerfamilie - auch ihre eigenen Söhne Jesse und Jackson Smith sind mit von der Partie. Schließlich kommen auch das Politische und die Wut nicht zu kurz, auch wenn diese Haltung nicht mehr so wild herausgeschrien wird, wie vor Jahren. Smith begründete die Auswahl des Songs “Smells Like Teen Spirit” damit, dass sie Cobains Wut und Verzweiflung nachvollziehen konnte, schon als sie den Song zum ersten mal hörte. Und sie berichtet, dass sie zum ersten mal des Textes und der Aktualität des Songs “Gimme Shelter” in seiner vollen Bedeutung bewusst wurde, als sie ihn jetzt selbst sang: “War children is just a shot away“ (Der Krieg, Leute, ist nur einen Schuß weit entfernt).

  • Live zu sehen ist Patty Smith unter anderem morgen, am Dienstag, den 12. Juni, in Hamburg in der Großen Freiheit, Eintritt: 27 Euro

(Foto: Pressefoto)

Patti Smiths Homepage
Foto: Pressefoto

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